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Vikingr
Er ist ein außerirdischer Wikinger. Sie hat keinerlei Absichten, seine Gefangene zu sein.

Njal genießt das Leben eines skrupellosen Wikingerkapitäns: essen, saufen und plündern, was das Zeug hält. Dann erhalten er und seine Krieger die schlimmstmögliche Botschaft: Ihr Heimatplanet ist zerstört.

Wenn ihre Spezies überleben soll, müssen sie Frauen für sich finden, um Nachkommen zu zeugen. Glücklicherweise haben Wissenschaftler der Intergalaktischen Universität herausgefunden, dass die Frauen auf einem abgelegenen Planeten namens Erde kompatibel sind. Und was macht ein Wikinger, wenn er seine Partnerin gefunden hat? Richtig, er entführt sie.

Steff hat eine Heidenangst vor dem riesigen blauen Außerirdischen, der sie entführt hat. Er ist wild, laut, und hat noch nie etwas von Tischmanieren gehört. Aber verbirgt sich hinter seinem Getöse auch ein gewisser Schmerz und Verletzlichkeit? Vielleicht kann sie ihm und seiner Mannschaft helfen. Nicht, indem sie seine Gefährtin wird, auf keinen Fall. Indem sie die Männer auf die Liste ihrer Partnervermittlung setzt. Vielleicht hält er sie nicht mehr gefangen, wenn sie ihm eine andere Braut findet…

Njal, der Blutrünstige

Es war ein Tag wie jeder andere gewesen: Wir hatten ein Raumschiff gekapert, geplündert, was nicht niet- und nagelfest war und die Besatzung gefesselt. Jetzt mussten wir nur noch abwarten, bis jemand das Lösegeld für sie bezahlte. Sie gehörten zu einer Gruppe von Kletorianern, einer schwachen Spezies, die Handel trieb und nicht kriegerisch gesinnt war. Schön blöd von ihnen, dass sie sich in diesem Teil der Galaxie nicht wenigstens eine bewaffnete Eskorte geleistet hatten. Jedermann wusste doch, dass dies unser Revier war. Unsere Mannschaft auf der Valkyr wurde gefürchtet und bewundert, und ich war stolz darauf, ihr Kapitän zu sein.

Ich war gerade damit beschäftigt, den Inhalt einer großen Kiste zu untersuchen, als ich es spürte. Es war ein durchdringender Schmerz irgendwo zwischen Herz und Magengegend, so stechend, dass ich nach Atem rang. Tränen traten mir in die Augen, ich griff mir an die Brust. Ähnliches Stöhnen und laute Rufe erklangen auch aus dem Frachtraum. Meine Männer erlitten offensichtlich dieselbe Pein. Das machte mir größere Sorgen als mein eigenes Leiden. Hatten die Kletorianer etwa eine biologische Waffe eingesetzt? Denn sie zeigten keinerlei Anflug von Unbehagen. Ihre neugierigen, überraschten Blicke sagten mir aber, dass sie nicht die Ursache dieses Anfalls waren. In ihren Gesichtern sah ich Hoffnung aufkeimen. Falls diese mysteriöse Schmerzattacke uns außer Gefecht setzen sollte, hätten sie eine Chance zur Flucht.

Ich zwang mich aufzustehen und gegen die Schmerzen anzukämpfen, die mir allein diese kleine Anstrengung schon bereitete. Es fühlte sich an, als würde mir die Brust jeden Moment zerspringen. Ich hatte so etwas noch nie erlebt. Rechts neben mir sah ich Rune, blass, mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er gehörte zu den Berserkern, hatte gelernt, Schmerzen und Verletzungen einfach zu ignorieren. Wenn er jetzt also wie jeder andere von uns litt, war das kein gutes Zeichen.

Als ich mich so im Frachtraum umsah, die zusammengekrümmten Leiber meiner Crew vor Augen, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich hatte in Kriegen gekämpft, mit Piraten und der Intergalaktischen Behörde, aber dies war etwas, auf das ich keine Antwort wusste.

„Klav, mach einen Scan“, stöhnte ich mit zusammengebissenen Zähnen.

Auf der Valkyr gab es keinen Arzt, aber Klav hatte diese Aufgabe so gut er konnte übernommen. Er hatte seinen medizinischen Scanner bereits hervorgeholt und zielte damit auf mich. Ich wollte ihm noch sagen, dass er lieber zunächst sich selbst oder einen der Männer scannen sollte, als eine neue Welle der Agonie über mich hereinbrach. Meine Knie gaben nach. Ich wollte mich noch an irgendetwas festhalten, aber es war schon zu spät. Ich brach auf dem kalten Metallboden zusammen. Am Rand meines Blickfelds wurde es schwarz. Ich durfte jetzt nicht das Bewusstsein verlieren. Ich war der Kapitän; ich musste sie doch beschützen. Ein gutes Beispiel geben. Ich durfte jetzt nicht aufgeben.

Einer der Kletorianer lachte. Wenn ich noch die Kraft gehabt hätte, wäre er jetzt fällig gewesen und hätte meine Axt in seinem Schädel zu spüren bekommen; aber ich musste meine gesamte Energie darauf verwenden, nicht ohnmächtig zu werden.

„Du bist in Ordnung“, brummte Klav; seine heisere Stimme klang verwirrt und überrascht. „Der Medi-Scanner kann nichts feststellen.“

„Versuch’s mal bei dir selbst“, befahl ich.

Ich schaute zu, wie er das Gerät über seine Brust, seinen Bauch gleiten ließ, während er die Augen immer mehr aufriss.

„Nichts. Nicht einmal…“

Er jaulte auf vor Schmerzen, kniff die Augen zusammen, das Gesicht qualvoll verzerrt. Um mich herum stöhnten und wimmerten die anderen Mitglieder meiner Besatzung, gaben Laute von sich, die ich von ihnen noch nie gehört hatte. Wir waren Vikingar! Da gab’s nichts zu wimmern.

Meine Wangen waren ganz nass. Von Tränen, die mir durch diese Qual in die Augen geschossen waren. So etwas war mir erst einmal passiert, als ein Kardarischer Pirat für die Narbe auf meinem Rücken gesorgt hatte. Die Wunde war so tief, dass es an ein Wunder grenzte, dass er mir nicht das Rückgrat durchtrennt hatte. Die Narbe erinnerte mich seitdem daran, nicht zu lange zu zögern. Ich wollte bei ihm damals Gnade walten lassen, und dafür war er mir buchstäblich in den Rücken gefallen. Das würde mir nie wieder geschehen. Ich traute einzig meinen Leuten. Sie standen mir näher als meine Familie das je getan hatte. Sie solchen Qualen ausgesetzt zu sehen ohne etwas daran ändern zu können, war für mich deshalb schlimmer, als selbst Ähnliches zu erleiden.

Der Anhänger, den ich um den Hals trug, vibrierte an meiner Brust. Ich hatte vor dem Überfall alle Benachrichtigungen ausgeschaltet. Lediglich eine Notfallmeldung der Vikingar Befehlszentrale konnte so noch übertragen werden.

Mir lief es eiskalt über den Rücken. Dies konnte kein Zufall sein. Gerade jetzt einen Notfall-Rundruf zu starten, wo wir schachmatt gesetzt waren, bedeutete wohl, dass nicht nur wir betroffen waren. Hier ging es um etwas Größeres.

Ich krampfte meine Finger um den Anhänger, damit er meine Bio-Daten lesen konnte und mir so Zugang zu der Mitteilung gewähren würde. Vor mir erschien ein Hologramm. Ich erschauerte erneut, als ich den Mann erkannte. Das war der Goði, der geistige Führer unseres Planeten. Sein Gesicht war blutverschmiert. Auf seiner Stirn klaffte eine Wunde, aber das daraus hervorströmende Blut schien er nicht zu beachten.

„…verloren… Angriff … spät…!

Seine wirre Botschaft war schwer zu entschlüsseln. Ich rieb den Anhänger, als ob das etwas an der Qualität der Übertragung ändern würde.

Der Goði drehte sich um und sah dort etwas, das ihn erneut Richtung Kamera herumwirbeln ließ; sein blutüberströmtes Gesicht blickte ernst und eindringlich. Mir war klar, dass wir gerade eine Aufzeichnung sahen, die einige Zeit von unserem Heimatplaneten hierher unterwegs gewesen sein musste, aber es schien so, als starrte er mir geradewegs in die Augen.

„Es tut mir leid. Wenn ihr könnt… keine Hilfe… ihr…“

Erneut überwältigte mich die nächste Welle an Schmerzen fast völlig. In meinem Kopf, in den Ohren dröhnte es und erstickte die Worte des Goði. Aber ich wusste irgendwie auch so, was er sagen wollte. Ich hatte es im ersten Moment gespürt, als der Schmerz nach meinem Herzen griff. Ich hatte es nur nicht glauben wollen. Konnte es noch immer nicht glauben.

„Was geht hier vor?“, rief Errik durch den Frachtraum und klang, als könne er sich kaum noch auf den Beinen halten.

Das Hologramm flackerte, nahm dann aber festere Formen an als zuvor. Der Goði sah mich an, das Blut lief ihm übers Gesicht.

„Jörð ist verloren. Alle sind tot. Ihr seid unsere einzige Chance, dass unser Volk überlebt.“

Er drehte sich erneut um, schrie erschrocken auf, dann löste sich das Hologramm auf. Ich starrte auf die Stelle auf dem Boden, wo ich es gesehen hatte und hoffte vergeblich, dass die Übertragung fortgesetzt würde. Hoffte, dass dies nicht das Ende wäre.

Das konnte nicht wahr sein. Durfte nicht. Unser Planet, unser Zuhause…

Aber ich spürte es. Wusste es. Der Schmerz war der Beweis. Ich wusste nicht warum oder wie er in dieser Heftigkeit zustande kommen konnte, aber dies war der Schmerz von einer Milliarde unserer Mitbewohner, die sterbend ihren letzten Schrei ausstießen.

Jörð gab es nicht mehr.

Ich würde irgendwann herausfinden, wie es geschehen war. Wer dafür verantwortlich war, und ich würde mich rächen.

Aber im Augenblick konnte ich nur trauern. Um meine Familie. Meine Freunde. Unser Zuhause.

Bücher in dieser Reihe

Vikingr
Band 1
Drengr
Band 2
Berserkr cover
Band 3